Kammerton W - 6. Teil

Die Kantorei

75 Stühle sind eine Menge… Sie im Gemeindesaal auf dem Kirchberg aufzustellen, damit beginnt für mich jeden Dienstagabend die Kantoreiprobe. Ein eher sportlicher Start, kann nicht schaden. Nun noch die Noten und die Stiftebox mit den Bleistiften zurechtlegen, manchmal auch die Plakate, die einige Chorsänger ehrenamtlich für die Wohltorfer Kirchenmusik in lokalen Geschäften verteilen, um unser nächstes Konzert zu bewerben.
Dann trudeln auch schon die ersten Sänger ein. Manche ganz gelassen und heiter, andere etwas müde, andere erkennbar direkt von der Arbeit. Ein angeregtes Plaudern durchströmt den Raum, es klingt, als habe man sich mindestens ein halbes Jahr nicht gesehen. Viele, langjährige Freundschaften sind in der Kantorei entstanden. Wir sind eine wirkliche Gemeinschaft, auch jenseits der Musik. Wir denken aneinander, nehmen Anteil. Das war gerade auch in der ersten Corona-Zeit in diesem Jahr sehr deutlich. Cliquenbildung und Empfindlichkeiten, wie ich sie in anderen großen Chören kennengelernt habe - gab es bei uns zum Glück nie. Ich erlebe hier bei uns in Wohltorf eine große Offenheit und Freundlichkeit, auch neuen Mitgliedern gegenüber.
„Ich kam über eine Berufskollegin zur Kantorei“, so berichtet ein Bassist, der seit 2011 dabei ist. „Es macht Spaß, sowohl ernsthaft an guter Musik zu arbeiten als auch den Humor dabei nicht zu vergessen und dann bei dieser Arbeit noch netten Menschen aus allen Lebensbereichen zu begegnen.“
Altersmäßig sind wir in unserer Kantorei gut aufgestellt. Immer wieder steigen junge Stimmen ein. Eine Kinderkantoreimutter mit „Alsterspatzen-Vergangenheit“ (große Nummer im benachbarten Hamburg) berichtet von ihrer anfänglichen Scheu: „Kantorei? Ist das wirklich etwas für mich? Zugegeben, ich war durchaus skeptisch, aber ich habe mich getraut und einmal selbst in der Kantoreiprobe reingeschaut. Ich wurde nicht enttäuscht. Seitdem bin ich dabei und habe mit Andrea Wiese eine Chorleiterin schätzen gelernt, die immer wieder das richtige Maß zwischen notwendiger Strenge, Qualitätsanspruch und Menschlichkeit findet. Ich habe viele nette MitsängerInnen verschiedensten Alters kennengelernt, die mich herzlich in ihren Kreis aufgenommen haben.“
Jeder bringt seine Talente ein, die Gemeinschaft profitiert davon: Die Vom-Blatt-Sänger ziehen diejenigen mit, die in der Notenschrift unsicher sind. Ein Tenor berichtet. „Erwartet hatte ich, dass ich es (die „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein) nie lernen würde. Wie bei jeder Aufführung geschah dann immer ein kleines Wunder, und es klappte doch.“ Ja, zusammen sind wir stark. Kräftigere und leisere Stimmen mischen sich rücksichtsvoll hörend miteinander. Die mit den starken Muskeln bauen vor Konzerten die großen Chorpodeste in der Kirche auf, die mit dem feinen Gaumen sorgen fürs Kulinarische. Legendär sind unsere Chor-Buffets, wenn alle nach den Konzerten beschwingt und entspannt den Abend ausklingen lassen. Andere organisieren das gesellige Weintrinken einmal im Monat im Anschluss an die Probe. Mal in Ruhe quatschen - geht ja während der Probe nicht. Wieder andere planen unsere Chor-Fahrten… diese Reihe könnte ich fortsetzen.
Wahrscheinlich ist es dieses ganz besondere Gemeinschaftsgefühl, das wir hier auf dem Kirchberg haben und das viele zur Wohltorfer Kantorei kommen lässt. Und sicher auch: Die Freude an der wunderbaren Musik, die einen auch über die Chorproben hinaus begleitet, am Singen, das körperlich und seelisch einfach gut tut. Eine Stimme aus dem Alt meint: „Die Proben festigen unsere Stimmen und unsere Gemeinschaft. Nach einem Auftritt ist man stolz auf das Geleistete. Der gemeinsame Gesang jeweils dienstags bringt Freude und Abwechslung im Alltag, er beschwingt die Seele.“ Bei vielen ist es auch der Wunsch, an musikalischer Qualität zu wachsen, der Ansporn, das anstehende Werk bestmöglich aufzuführen: „Frau Wiese ist stets mit vollem Elan dabei, unsere Stimmen zu formen und das Beste aus uns herauszuholen.“
Darüber hinaus zählt in unserer Kantorei natürlich die Verbundenheit mit der Kirche, mit unserer Kirchengemeinde und die Festigung des Glaubens durch die Musik. Unser Zentrum ist der Gottesdienst. Doch auch die großen Oratorien im Zusammenspiel mit hochklassigen Orchestern und Solisten spielen eine wichtige Rolle, auch sie sind eine Form von Gottesdienst. Ein Chorsänger formuliert es so: „In der Kantorei erfüllen sich alle Wünsche, die ein Chorsänger haben kann: Bachs ‚Weihnachtsoratorium’, der erste Teil der ‚h-moll-Messe’, ‚Matthäuspassion’, der ‚Messias’ von Händel, diverse Kantaten und natürlich das Singen im Gottesdienst. Ich hätte nicht erwartet, dass es in einem kleinen Dorf wie Wohltorf ein Kirchenmusikleben geben könnte, auf das jede größere Kirche in Hamburg zu Recht stolz wäre. Wunder gibt es immer wieder.“ „Im Vordergrund steht für alle die Freude am Singen in der Gemeinschaft und das Gestalten der Verbindung zwischen  WORT und MUSIK“.
Wenn eine Kantorei-Probe am Dienstagabend besonders anstrengend war, nehmen wir zum Schluss noch ein kleines Heftchen mit Abendliedern zur Hand. Darin hat wohl jeder sein Lieblingslied. „Ruhet von des Tages Müh, Nacht will es nun werden. Lass die Sorg´ bis morgen früh, Gott bewacht die Erden“. Nur kurz währt die andächtige Stille. Probe vorbei – es gibt ja noch so viel zu erzählen… Abbauen muss ich die 75 Stühle übrigens nicht. Da räumt jeder Seinen selber weg. Auch schön.
Übrigens: seit Neuestem finden wieder Chorproben statt! Unter C-Bedingungen, aber immerhin. Sie haben Lust, einzusteigen? Ein guter Zeitpunkt! Proben wir doch zur Zeit in kleinen Gruppen stimmweise, so dass die Werke (Haydn: „Schöpfung“ und Rutter: „Psalmfest“ für Konzerte in – hoffentlich - 2021 und 2022, dazu ab November natürlich schöne Weihnachtslieder, einfach so, nur für uns, denn Singen im Konzert oder Gottesdienst wird bis dahin wohl noch nicht wieder erlaubt sein) für jeden sicher einstudiert werden können. Herzlich willkommen!